Meine Quelle Geschichte

Ein Fotoprojekt von Stefan Koch

Meine Quelle Geschichte
Fotogalerie starten

Projekt

Der Fall Quelle hat im Raum Nürnberg – und nicht nur dort – für immense Aufmerksamkeit gesorgt und viele Menschen aufgewühlt. Quelle ist über ein Jahrhundert hinweg zu einem nicht weg zu denkenden Stück Lokalidentität geworden. Ganze Familien haben über Generationen ihr Geld bei Quelle verdient, zahlreiche Wirtschaftszweige der Region hingen von dem Unternehmen ab.

Auch mich als gebürtigen Nürnberger, der auch in Fürth aufgewachsen ist, hat die Abwicklung Quelles stark berührt. Immer wenn ich von Fürth nach Nürnberg gefahren bin, zogen die riesigen Gebäudekomplexe Quelles an mir vorbei, die heute, im Jahr 2011, teils brach liegen. Werkschließungen und Entlassungen haben im Nürnberger Raum gewissermaßen eine Tradition: Entlang der Straße liegen auch längst geschlossene frühere Immobilien und Produktionsstätten von Grundig, AEG und Triumph Adler.

Komme ich in meine alte Heimat, spüre ich Depression. Die Medien quellen über von Berichten über Umbruch und Zerfall alter Strukturen. Bei der ehemals ausgeprägten deutschen Mittelschicht breitet sich Angst aus, auch sie spürt in ihrem Alltag, dass die Dinge in Bewegung geraten sind und ihre Biographien jederzeit in die Mühlen globaler Wirtschaftsinteressen und -entwicklungen geraten können. Diese Gefühle habe ich versucht, mit meiner Arbeit einzufangen und zu dokumentieren. Der Fall Quelle steht dabei nur symbolhaft für den Niedergang deutscher Traditionsunternehmen: Er macht greifbar, wie sehr sich die Arbeitsbeziehungen in Deutschland, und damit das hiesige Lebensgefühl, seit dem Ende des Kalten Krieges gewandelt haben. Aus dem regulierten und vergleichsweise überschaubaren Standort Deutschland ist ein in die globalen Wirtschaftsströme voll integriertes Land geworden, in dem sich die Schere zwischen denen, die sich an das Zeitalter und die Gesetze der „New Economy“ angepasst haben, und denen, die eher in realen, denn in virtuellen Dimensionen denken, immer mehr geöffnet hat.

Der von Ludwig Erhardt 1957 proklamierte „Wohlstand für alle“ bedeutete eine Ordnung der Dinge, sicherlich auch gewisse Hierarchien, aber vor allem Sicherheit und Planbarkeit bis ins Rentenalter – für Jedermann. Der damalige Wirtschaftsminister, selbst ein Fürther, stand als Leitfigur für eine machbare und gesicherte soziale Zukunft. Machbarkeit, davon sind heute nur noch wenige überzeugt. Die Schere zwischen Mittelschichtsverlierern und Wirtschaftsgewinnern tut sich immer mehr auf. Die Politiker versuchen Scherbenhaufen kleinzureden, und sind doch nur fähig, kleinste Korrekturen vorzunehmen. Das System krankt an allen Ecken.

Meine fotografische Spurensuche begann nur wenige Monate nach Schließung der Firma. Eine teilweise Entkernung durch die Immobilien-Eigner hatte bereits begonnen - alte Interieurs und Spuren der alten Ordnung waren aber noch vorhanden. Dieses Verschwinden visualisierte ich. Während meiner Besuche kam ich mit ehemaligen Quelleangestellten ins Gespräch, die mir von ihren persönlichen Geschichten erzählten. Diese machten deutlich, wie eng deren Verbundenheit mit dem Unternehmen noch war und wie sehr sie die Abwicklung Quelles belastete – nicht nur wegen ihrer Arbeitslosigkeit, sondern auch, weil Quelle immer ein Unternehmen mit hoher Identifikationskraft gewesen war. So kam ich dazu, eben auch die soziale Seite der Abwicklung mit in den Blick zu nehmen, und quasi das Gesicht Quelles – nämlich ihre Mitarbeiter und ihr Leiden – fotografisch darzustellen.

Kurzportrait Stefan Koch

Biographie

1978 in Nürnberg geboren
1999 Gesellenprüfung zum Werbe- und Industriefotografen
2000 - 2003 Festanstellung als Werbefotograf in Nürnberg (Kaletsch Medien GmbH)
seit 2003 Studium an der FH Hannover - Fakultät III – Medien, Information und Design,
 Studiengang Fotojournalismus und Dokumentarfotografie
2009 - 2010 Auslandssemester an der „Grey's School of Art“ Aberdeen, Schottland

Preise

2004 Plakatwettbewerb der Niedersächsischen Sparkassenstiftung / "Heimat?!" - 1. Preis
2005 Volkswagen Photo Competition 2005 - „Golf loves Europe. Europe loves Golf.“
 3. Preis schooting star contest – adf e.V. - Finalrunde
2011 Werbefotopreis „geschossen + gedruckt“ 2011, Preisträger Still Life

Ausstellungen

2004 Gemeinschaftsausstellung "Epson Digital Portrait Contest 2004" - Photokina, Köln
2005 Gemeinschaftsausstellung "Golf loves Europe. Europe loves Golf." - Autostadt, Wolfsburg
2006 Gemeinschaftsausstellung "RANDZONEN" - das Artelier Creativ Forum e.V., Nürnberg
2007 Gemeinschaftsausstellung "hARTbeat" - Kunstmuseum Celle
2008 Gemeinschaftsausstellung "Hannover goes Fashion" - August Kestner Museum, Hannover
2010 Gemeinschaftsausstellung „Dissemination“ - The Academy Center
2011 Gemeinschaftsausstellung „Dem Menschen den Menschen erklären – 10 Jahre
 Fotojournalismus und Dokumentarfotografie aus Hannover“ – Design Center Expo Plaza, Hannover
2011 Gemeinschaftsausstellung „geschossen & gedruckt“ – Städtische Galerie, Lüdenscheid & C/O Berlin